Saarbrücker Zeitung 22. November 2017

SZ 22.11.2017

Saarbrücker Seniorenchor geht hinter Gitter

Der HeartChor ist eine Gruppe älterer Menschen, die sich auf Rockmusik einlassen und damit schon seit Jahren ihr Publikum begeistern.

Von Martin Rolshausen

Saarbrücken Etwas mulmig war es Vera Wilhelm schon. Man geht ja nicht alle Tage ins Gefängnis. Auch wenn klar war, dass sich die Türen und Tore nach ein paar Stunden wieder öffnen, habe sie „diesem Auftritt mit großer Freude, aber auch ein wenig Beklommenheit entgegengeschaut“. Wie die anderen Mitglieder des HeartChors, die sich vor einigen Tagen in der Saarbrücker Justizvollzugsanstalt (JVA) auf der Lerchesflur für ein Konzert einsperren ließen.

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Foto Saarbrücker Zeitung

„Was erwartet uns dort?“, das haben sich alle Sängerinnen und Sänger des Seniorenchors gefragt, sagt die Vorsitzende. Vera Wilhelm selbst „hatte an dem Tag deutlich mehr Lampenfieber als sonst“. Es sei zunächst „ein beklemmendes Gefühl“ gewesen, „als sich hinter uns alle Türen schlossen“. – Zwei Gefangene halfen beim Aufbau der Technik. „Sie  waren sehr freundlich und hilfsbereit. Es kam keine Angst oder extreme Fremdheit auf“, erzählt Vera Wilhelm.

Das Publikum wurde in kleinen Gruppen in den Saal geführt. Es seien vor allem junge Männer gewesen, und das Wachpersonal habe sich im Hintergrund gehalten.

„Die Atmosphäre war wie bei einem normalen Konzert“, sagt Vera Wilhelm. Aber da gab es schon eine Unsicherheit im Chor. Vera Wilhelm: „Was löst es für Reaktionen aus wenn wir bei unseren Versionen von ,Highway to Hell’ singen: ,Schönes Leben, frei zu sein…’ Oder in ‚Altes Fieber’ von den Toten Hosen: ,Seh euch alle da sitzen, weiß dass ich richtig bin“? „Sitzen“ und „frei“, das habe ja plötzlich eine andere Bedeutung.

Der Beifall nach dem ersten und dann nach jedem weiteren Song, vertrieb die Unsicherheit. Plötzlich standen zwei Männer in der ersten Reihe auf. „Ich kam sofort in Hab-acht-Stellung, mein Herz klopfte“, erzählt Vera Wilhelm.

Ein Beamter ging zu den Männern, sie setzten sich wieder. Sie wollten nur rauchen gehen. „Das taten sie dann auch in Begleitung des Beamten, und ich wurde wieder locker“, sagt die Sängerin.

Am Ende wurde nach Zugaben gerufen. Und beim Rausgehen haben sich einige Gefangene mit Händedruck bei den Sängerinnen und Sängern für das Konzert bedankt. „Es hat mich ein bisschen gerührt, und für mich stand da fest, dass es richtig und gut war, uns auf diesen Auftritt einzulassen“, sagt Vera Wilhelm.

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Auftritt HeartChor Saar in der JVA Saarbrücken am 17. November 2017

Kurz nach 14.00 Uhr öffnete sich das Tor zur Justizvollzugsanstalt Saarbrücken auf dem Lerchesflur. Ohne Personalausweis kein Einlass. Wer ihn vergessen hatte durfte wieder nach Hause gehen.

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Die Seniorinnen und Senioren des HeartChor Saar wandelten auf den Spuren von Johnny Cash, der 1969 mit einem legendären Konzert in der US-Justizanstalt San Quentin San Francisco Musikgeschichte geschrieben hatte. Um 15.00 Uhr füllte sich der Konzertraum mit den Zuhörern aus der Justizvollzugsanstalt, die das Rockkonzert  miterleben wollten. Die bereitgestellten Stühle waren fast alle besetzt, sodass sich der Bürgermeister von Saarbrücken Herr Ralf Latz und seine Begleitung Frau Marisa Villareale einen freien Platz suchen mussten. Dann ging es endlich los mit den Songs „Engel“ von Rammstein, „Altes Fieber“ von den Toten Hosen, „Junge“ von den Ärzten, „Skandal im Sperrbezirk“ von der Spider Murphy Gang und „Verdammt lang her“ von Bap „awwer  uff saarlännisch“. Nach dem Weihnachtslied „Fröhliche Weihnachtszeit“ nach „A Summer Long“ von Kid Rock sang der Chor die Lieder „Der ganz normale Wahnsinn“ von Udo Jürgens „uff saarlännisch“, „Lasse red`n“ von den Ärzten, „Auf uns“ von Andreas Bourani, „Ich will“ von Rammstein, „Noch lang nicht zu alt“ nach „Highway to Hell“ von AC/DC, und „Tage wie diese“ von den Toten Hosen. Das dankbare Publikum ging begeistert mit und forderte natürlich eine Zugabe. „We will rock you“ „uff saarlännisch“ von der Gruppe Queen beendete dann das Konzert in der JVA Saarbrücken. Ein sehr schöner Nachmittag für den Chor und die Zuhörer aus der Justizvollzugsanstalt, der lange in Erinnerung bleiben wird.

Text Dieter Herb – Foto Helmuth Bock